Die (Ohn-)Macht der Innovation

Alfred Hitchcock, Steve Jobs, Vincent van Gogh, Franz Kafka und Wolfgang Amadeus Mozart. Große Namen. Gemeinsamkeit? Sie, neben anderen, waren ihrer Zeit voraus. Gescholten und verkannt von Ihren Zeitgenossen, erkannten erst spätere Generationen ihr Genie gebührend an. Hitchcock galt als guter Handwerker unter den Regisseuren seiner Zeit. Hitchcocks Filme waren kein Kassengift, deswegen ließen die Produzenten ihn gewähren. Sein Genie wurde 1979 mit dem „Life Achievement Award“ des American Film Institutes bestätigt. Hitchcock war während der Verleihung kaum mehr im Stande zu gehen und bereits sichtlich gezeichnet. Ein Jahr später, 1980, verstarb Hitchcock mit 80 Jahren und über 60 Spielfilmen im Kasten. Einer seiner vielen Filme, Vertigo (1958), gilt heute gemäß des „American Film Instituts“ als bester amerikanischer Film aller Zeiten, noch vor dem filmischen Lieblingskind eines jeden (amerikanischen) Cineasten: Citizen Kane (1941).

Über Steve Jobs wurde filmisch, literarisch, feuilletonistisch alles gesagt, geschrieben und eben illustriert. Jobs Status als Visionär muss an dieser Stelle nicht ferner erläutert werden, zu viele taten dies bereits in den letzten Jahren anstatt meiner. Der „Fall“ van Gogh hingegen ist sehr beschreibungswürdig. Van Goghs Name und Werk sind jedem Kind oberflächlich ein Begriff. Wohl auch, dass van Gogh ein Leben mit schwersten Depressionen zu fristen hatte. Dass van Goghs künstlerisches Wirken wohl nur auf Grund der Generosität seines Bruders Theo zustande kam, ist indes nicht allzu vielen Menschen fern von der Kunstszene bekannt. Van Goghs Interesse und Passion für die Malerei war zu keiner Zeit seines Lebens finanziell fruchtbar. Van Gogh war schlicht kein Unternehmer. Van Gogh hätte keinen Monat von seinem künstlerischen Wirken leben können, so erzählt es die Kunstgeschichte. Das lag unter anderem an seinem Unvermögen mit Geld umzugehen, was nicht der Verschwendung, sondern wohl an seinem autistischen Naturell gelegen haben soll. So erzählt die Geschichte, dass van Gogh jeden Monat die nötigsten Mittel für seine Malerei und sein Überleben von seinem fürsorglichen Bruder Theo empfing. Jahrzehnte nach Vincents Ableben kam die Welt allmählich auf den Gedanken, dass das, was van Gogh so „gemalt“ hatte, um mal zu untertreiben, eigentlich ziemlich genial war. Van Goghs Schicksal ist beispielhaft für den klassischen Fall des „verkannten Künstlers“. Van Gogh war, nebst anderen, schlicht seiner Zeit voraus. Ganz ähnlich lief das auch bei Franz Kafka, einem der größten Schriftsteller aller Zeiten.

Kafka (eigentliche Profession: Jurist) schrieb stets das nachts und schuf sich tagsüber als Prokurist eine monetäre Grundlage. Kafkas innere Zerrissenheit und ungerechtfertigte Demut führten fast dazu, dass ein beträchtlicher Teil seines Werkes nie eine Publikation erfahren hätte. Wäre da nicht Max Brod, Kafkas bester Freund, gewesen. Brod veröffentlichte gegen Kafkas testamentarischen Willen seinen literarischen, bisher unveröffentlichten, Nachlass. Die Entscheidung Brods gegen den Willen Kafkas gehandelt zu haben, bleibt bis heute moralisch diskutabel. Unstrittig hingegen ist Kafkas heutige Rezeption: sein Status als Großmeister der metaphorischen Sprache und einer der größten Schriftsteller aller Zeiten. Max Brod sei Dank.

Nicht ganz in diese Reihe passt Wolfgang Amadeus Mozart. Beherrschte es Mozart bereits zu Lebzeiten vor seinem Publikum zu reüssieren, erfuhr Mozart seinen ganz großen Ruhm erst postum. Mozarts Vita ist alles andere als ein Einzelfall: Erst die Bewertung und Rezeption über Jahre respektive Jahrzehnte schafft Legenden und erst die historische Aufarbeitung durch ihre Möglichkeit der kontextuellen Bewertung vermag es, die Performanz Einzelner würdig einzuordnen.

Eventuell das größte Problem, widmet man sich dem hiesigen Diskurs, ist das mehrheitliche monetäre Versagen der Künstler in allen Metiers ihrer Wirkungsbereiche. Kunst war nie und wird nie ein „Verdingungsfeld“ für eine sichere Altersvorsorge. Als Künstler fechtet man an zwei Fronten: Erstens: Gegen die Gesellschaft, die fast ausnahmslos die „klassischen Lebenswege“ ihrer Individuen protegiert. Ergo: den sicheren Weg. Abitur, um die Eltern zu beschwichtigen, Studium (bevorzugt BWL, Jura oder Ingenieurswesen), um als Individuum seinen Platz in den Maschen der „Wirtschaftsmaschinerie“ einzunehmen. Zweitens: Gegen den Mainstream, der die wirklich großen Leistungen unserer Künstler ausschließlich retroperspektivisch erschließt. Schade.

Die Geiger sämtlicher Orchester beispielsweise, derer man gerne nach dem verdienten Feierabend beiwohnt, wenn man sich adrett angezogen in die Oper begeben hat, werden dabei gerne von der Gesellschaft vergessen. All die jungen Menschen, die ihre Jugend aufopferungsvoll damit verbringen, zu singen, zu malen, zu tanzen oder sich auf anderen Pfaden künstlerisch verdingen und selbst zu verwirklichen. Unsere Gesellschaft braucht diese „Künstler in spe“ mehr, als der Gesellschaft bewusst ist. Ob man sich dem Kino, Theater, Museen, Streetart, Produktdesign oder der Architektur widmet – all diese Kunstfelder wären nicht denkbar ohne die zahlreichen menschlichen „Verluste“ auf dem Wege zu einem „Star“. Subtil illustriert haben das die Coen-Brüder in ihrem Meisterwerk Inside Llewyn Davis: Ein fiktiver junger Folk-Musiker verdingt sich 1961 in New York auf kleinsten Bühnen vor einer Handvoll Publikum. Der große Erfolg, trotz des unstrittigen Talents des Protagonisten, bleibt aus. Der Film schließt mit dem jungen Bob Dylan, der es, in einer Bar im Greenwich Village, wo zuvor der Protagonist musizierte, vermag, den Zahn der Zeit zu treffen. Bob Dylan ward weltberühmt, vielgefeierte Ikone der Folk-Musik und wahrscheinlich der berühmteste Singer-Song-Writer der Welt. Ohne Bob Dylan in irgendeiner Form zu diskreditieren (Big Fan), war Dylan vor allem zu Beginn seiner Karriere, schicksalsträchtig, zur richtigen Zeit am richtigen Ort. So ist es in der Kunst wie im Leistungssport: „Einer von Hundert“ schafft den Sprung auf die große Bühne. Schnell gesellschaftlich vergessen oder verdrängt, sind die 99 Verlierer, die sich im Anschluss nach ihren „Kunstverwirklichungsversuchen“ oftmals in prekären Jobs widerfinden. Irgendwer muss ja das Bier zapfen in Berlins Weserstraße. Wir brauchen die Kunst, jeder einzelne Künstler ist wichtig. Aus dem Pool der Kunstschaffenden, schaffen es nur sehr wenige auf den metaphorischen Gipfel und zu größerer Berühmtheit. Nähme man diesen wenigen berühmten Künstlern von Morgen ihre Mitstreiter, so beschnitte man die Kunst kollektiv in ihrer Qualität.

Eben wie im Fußball, der in Deutschland von seiner breit aufgestellten, etablierten Amateurkultur lebt und zehrt. Große Dinge geschehen immer im Diskurs und kompetitiv. Lasst uns die Mitstreiter der „Großen“ nicht vergessen! Oder um es mit Marterias Worten zu sagen: „Komm mir nicht mit großen Namen, die du kennst, wir trinken auf Verlierer!“ Lila Wolken eben.

fashionbrother wünscht viel Spaß beim Lesen.




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