Die Herstellung von Schuhen

Der Chuck Taylor All Star, kurz Chuck, wird nächstes Jahr 100 Jahre alt. Mit über, bitte festhalten, einer Milliarde verkaufter Exemplare ist dieser Schuh mit Abstand das meistverkaufte Schuhmodell der Welt. Glückwunsch. Zu den Gründen seines Erfolgs zählt man sein klassisches, zeitloses Design, wie die „niedrigen“ Anschaffungskosten. „Niedrig“ ist hier bewusst apostrophiert. Wenige wissen, dass erst eine schuhtechnische Revolution kurz vor der Erfindung des Chucks den Chuck erst ermöglichte. Die Rede ist vom Kleben eines Schuhs, also der Befestigung von Sohle und Schaft (Oberteil des Schuhs) mit Klebestoffen. Vor der Erfindung des Klebens mussten alle Schuhe zwangsläufig genäht oder genagelt werden. Das war erstens aufwendiger und zweitens wesentlich kostspieliger als die heutige Herstellung geklebter Schuhe. Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen, unterscheidet man bei genähten Schuhen zwischen Rahmengenähten (z.B. Oxfords, Derbies und Brogues) und Durchgenähten (gute Wanderschuhe). Holzgenagelte Schuhe werden immer seltener. Ihr Vorteil sind guter Halt und Formstabilität, allerdings auf Kosten des Tragekomforts. Beleuchten wir die Langlebigkeit eines Schuhs, verliert der geklebte Schuh auf voller Länge im Vergleich zum Genähten.

Nicht außer Acht lassen wollen wir hierbei die wesentlich geringeren Produktionskosten eines geklebten Schuhs. Freilich beläuft sich die Marge eines geklebten Schuhs nicht nur auf die Produktionskosten, denn Marketing, Unterhaltung aller Stores, der Staff in den Stores usw. werden selbstverständlich alle vom Endverbraucher getragen und niemandem sonst. Das ist logisch, doch leider nicht in allen Köpfen angekommen. Ein schicker Sneaker kostet heute gerne 150€ und selten mehr (Jordan, Yamamoto und z.B. die Sneaker der Luxuxlabels). Rahmengenähte Schuhe sind ganzheitlich qualitativ hochwertiger; sie pulverisieren Sneaker in allen Bereichen mit Ausnahme des Komforts.
Der größere Sneaker-Komfort ergibt sich auf Grund leichterer Materialien, die allerdings zu Lasten der Lebensdauer des Schuhs gehen, da dieser nach häufigem Tragen in der Regel nach spätestens zwei Jahren weggeworfen werden muss.

Die Marketingabteilungen der großen Sportartikelhersteller haben in den letzten 10 bis 20 Jahren einen genialen Job gemacht. Die Menschen geben heute ohne mit der Wimper zu zucken 80-150 € für einen Sneaker aus – mehrmals im Jahr. Menschen sammeln Sneaker, viele sind Kultobjekte und seit langem fester Bestandteil der urbanen Kultur. Sneaker-Liebhaber kaufen unreflektiert und registrieren nicht die strukturelle Überbezahlung dieser Schuhe. Rational ließe sich mit gutem Willen ein Höchstpreis von etwa 40 € argumentieren. Doch der Kapitalismus in seiner Formvollendung vermochte es die Menschen der Industriestaaten vor allem in den letzten Jahrzehnten nach seinem Belieben erfolgreich zu indoktrinieren. Der typische Konsument kauft häufig und möglichst billig. Die erlaubte Frage „Brauchst Du das denn überhaupt?“ ist nahezu obsolet geworden. Konsum ist Fun. Man gönnt sich halt. Längst geht es nicht mehr um die Notwendigkeit von Gütern. Alle kaufen, also kaufe ich auch. Konsum ist Prestige. Die Trödelmärkte sind voll mit hochwertigstem Silberbesteck, aber die neugegründete WG geht lieber zu IKEA und kauft dort das notwendige Besteck (was nicht im Ansatz zu hochwertig. ist und wesentlich mehr kostet, als das Besteck vom Flohmarkt).

Mit Schuhen ist es ähnlich: Rahmengenähte Schuhe halten bei wenig Pflege locker 10 Jahre bevor man sie für 30 € neu besohlen lässt und sie weitere 10 Jahre halten. Zudem trüge man immer den schöneren Schuh am Fuß.

Doch wir Deutschen sind keine Schuhnation. Der Porsche, Daimler, BMW ist budgetiert, ein gutes Paar Schuhe nicht. Schuhe genießen im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarn in sehr geringen Stellenwert. Gründe dafür lassen sich kulturwissenschaftlich lediglich hypothetisch skizzieren.

Der Chuck wird nächstes Jahr 100 Jahre alt und steht metaphorisch für den Wandel des Konsumverhaltens der Gesellschaft. Billig und neu muss es immer sein! …..Sure?

fashionbrother wünscht viel Spaß beim Shoppen!

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