Hipstermode: Avantgarde oder Kopie?

Berlin, Sommer 2016.

Der Berliner Hipster trägt jetzt schwarz. Ein Mix aus organischen und synthetischen Materialien, welche locker am Körper des männlichen wie auch weiblichen Hipsters flattern. Es erinnert ein wenig an All. All ist ein fiktives Transgender-Super-Model aus der viel kritisierten Mode-Satire Zoolander 2. Zoolander 2 spielt in New Jersey und Rom. Unser Schauplatz hingegen ist Berlin. Nur nicht dem Mainstream frönen, so das Motto des gemeinen Hipsters! Wer jetzt denkt, es folgt eine weitere Hasstirade auf den Berliner Hipster, der irrt.

Ok, natürlich erfährt der Hipster auch in diesem Pamphlet seine Rasur, doch viel heftiger trifft es den Mainstream. Aber erst zu den nüchternen Fakten: Die meistens unbewusste, selten reflektierte, Mission des Hipsters scheint die modische Nonkonformität zu sein. Nonkonformität?! Ok, immer langsam: Konform, so der Konsens der Wissenschaft, ist es, „Trends“ (des Mainstreams) zu folgen oder sich einen Dreck um Mode zu kümmern (à la Socken in den Sandalen, Mallorca, typisch deutsch usw.). Nonkonformität ist dahingegen die Ablehnung des modischen Mainstreams. Elitär und sich gegenseitig peer-mäßig protegierend, ergötzen sich die Hipster an ihrer ach so vermeintlich ausgeprägten Kreativität und Einzigartigkeit. Beides selbstverständlich Quatsch… Modisch kreativ ist wenig am Hipstertum. Alles, was die Trendbezirke so an modischem Output auswerfen, ist Kopie (oder wissenschaftlich: Adaption) bereits existenter Styles aus dem In- und Ausland.

„Besser gut kopiert, als schlecht selber gemacht“, so der offizielle Slogan des Mainstreams und der inoffizielle Slogan der Nonkonformisten, also auch der Hipster. Es ist auch nichts Verwerfliches an der gekonnten Kopie von bereits Dagewesenem. Allerdings sollte sich der Nonkonformist des postmodernen Charakters unserer urbanen Gegenwart bewusst sein. Postmodern soll hier im Kontext heißen: Wir leben in einer Zeit in der alle Trends bereits einmal gelebt wurden. Beispiel gefällig: High-Waist Jeans, bauchfreie Feinripp-Shirts, Carlo-Pullis und Oversize-Jeans Jacken. Gerade sind es die späten 1980er und frühen 1990er, die ihre modische Hommage durch die Hipster erfahren. Vielleicht sind es übermorgen Buffalo-Plateau-Schuhe. Hoffentlich nicht. Doch während der Mainstream ein- bis mehrmals die Woche Shopping betreibt, online bei Zalando oder offline im LP12, belagern die Hipster die Berliner Trödel. Dort kaufen sie die Klamotten worn by Opa, Papa und Tantchen. Klingt spöttisch, finde ich aber geil. Die Industrie lacht sich schlapp über den unreflektierten Konsumismus des Mainstreams. Immer neu, immer viel und immer trendy. Inzwischen hat jeder coole Berliner mindestens 10 Paar Sneaker im Schuhregal. Eine breite repräsentative Palette an Klamotten ist heute der Daimler von damals. Prestige. Des Deutschen Auto war des Briten Schuh und des Italieners Maß-Anzug. Heute sind es in urbanen Räumen beispielsweise rahmengenähte Boots, die 40 Jahre alte speckige Lederjacke vom Papa und der Naturfilzhut vom Opa (bestenfalls mit Entenfeder). Ob die Hipster Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung intendieren, sei fraglich und dahingestellt: Im Umkehrschluss bezwecken sie auf jeden Fall eben Genanntes.

Der Konsumismus des Mainstream hat zu extrem prallgefüllten Kleiderschränken geführt. Neue T-Shirts beim Discounter kosten 5 Euro und sehen vor dem ersten Mal Waschen auch super aus. Nur der schnell einsetzende Peeling-Effekt nimmt dem billigen Shirt schnell die Impression der Jungfräulichkeit. Der Mainstream verlangt schon lange günstigste Produkte in trendiger Verpackung. Wo produziert wird und welche Materialien verwendet wurden – das interessiert nur die Wenigsten.

Oft werde ich (als bewusster Qualitätseinkäufer zu entsprechenden Preisen) für meinen Weg des Konsums gescholten. Bei mir kommt nur Qualität ins Haus. Teilweise neu, oft gebraucht. Und das kann bei gewissen modischen Gütern, wie etwa Schuhen oder Jacken schon mal ins Geld gehen. Das entscheidende Momentum ist hierbei die Zeit, die man sich mit dem Kauf eines Qualitätsproduktes erkauft. Das Qualitätsprodukt hält Jahre (Schuhe und Jacken sogar Jahrzehnte), wohingegen das Shirt vom Discounter nach etwa 6 Monaten aussortiert gehört (Ausnahme: man steht auf Ryan Goslings Look in „The Place beyond the Pines“ – dann kann man getrost sein löchriges und ausgefranztes Shirt weiter tragen, allerdings mit der Maßgabe, dass man sich vorher einen Body reingezogen hat, ansonsten tut man sich und seinen Mitmenschen keine Gefallen).

Bei bewusstem Konsum von Qualitätsprodukten amortisieren sich schnell Opportunitäts- und Anschaffungskosten. Ferner spart man Zeit. Eine Menge Zeit.

fashionbrother wünscht viel Spaß beim Shoppen.




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